Wer führen will, muss allein sein können

Überall ist von agilen Teams, flachen Hierarchien, neuen Formen der Zusammenarbeit und sozialer Vernetzung die Rede – als wären wir alle nur noch Zahnrädchen einer großen Entscheidungsmaschine, die keine persönliche Verantwortung mehr kennt. Die Realität der Führung sieht oft ganz anders aus: Die schwierigen Entscheidungen treffen Führungskräfte oft einsam. Warum spricht darüber eigentlich niemand?

In Zukunft wird es keine Hierarchien mehr geben. Teams sind quer über den Globus verteilt und vernetzt. Immer mehr Menschen arbeiten ‚remote‘. Kommunikation findet immer öfter digital statt. Zusammenarbeit funktioniert in Zukunft ‚cloud-basiert‘. Die ‚neue Arbeitswelt‘ ist eine große Teamplayer-Community, die an einer besseren Welt bastelt.

Und Führung? Ja, ja, die auch. Moment mal.

Ich bin weit davon entfernt, die neue Welt zu leugnen. Vieles davon ist längst Realität. Die Art, wie wir miteinander arbeiten, verändert sich. Gerade deshalb macht mir die Sorglosigkeit Sorgen: Die Debatte über die neue Arbeitswelt wird viel zu oft über (den) Wolken geführt. Denn Führung – und auf die auch zukünftig nicht verzichten können – ist eben nicht immer hübsch kuschelig, kollaborativ und social.

Führung ist manchmal eine einsame Veranstaltung. Verantwortung lässt sich nicht in die Cloud delegieren. Führen heißt nicht zuletzt: Einsamkeit aushalten können.

Post vom Nordpol

Vor einiger Zeit bekam ich digitale Post vom Nordpol. Mein Freund André Lüthi, seines Zeichens Travel Ambassador und sozusagen der Richard Branson der Schweiz, schrieb mir: „Führen heißt oft alleine sein. Darauf wird man nirgends vorbereitet. Leider.“ Seiner Botschaft hing ein Bild an, das bei seiner Expedition an den Nordpol entstanden war. Auf dem Foto ist er dabei zu sehen, wie er sich allein durch die Eismassen kämpft. So einsam, wie er sich bei dieser monströsen Herausforderung tatsächlich fühlte – obwohl er in einer Gruppe unterwegs war.

Ein Sinnbild für die Einsamkeit des Leaders, das mich tief berührt hat. Ich kenne André schon lange: ein starker, emotionaler, menschenorientierter Leader, der ganz intensives Teamwork betreibt. Und der fühlt sich allein?

Die Einsamkeit der Führung

Natürlich tut er das. Je mächtiger, also befugter wir sind, desto einsamer werden wir. Und je einsamer wir eine Entscheidung treffen, desto verantwortungsvoller treffen wir sie. Das ist ein ambivalenter Aspekt von Führung, der nicht immer schön ist. Doch da sich Verantwortung nicht delegieren lässt, gehört er zu den wenigen unverrückbaren Wahrheiten über Führung: Selbstverantwortlich entscheiden und handeln heißt in gewissem Maße einsam sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Einsamkeit, die freilich eher eine philosophische ist als eine soziale, den Entscheider erdet. Sie macht ihn nicht etwa asozialer, sondern sogar zu einem besseren Leader.

Doch diese Einsamkeit muss man eben auch aushalten können. Jedes Mal, wenn man eine Entscheidung trifft. Die Verantwortung nimmt uns niemand ab – egal, durch wie viele Meetings und Email-Threads hindurch sie konsensiert wurde.

Diese Einsamkeit zu spüren und damit umgehen zu lernen ist ein Teil des Lernprozesses jeder Führungskraft. Und sie trifft auch jeden Mitarbeiter, der infolge neuer Formen der Zusammenarbeit mit neuen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet wird.

Dem Nachwuchs die Wahrheit sagen

In einem effektiv organisierten Unternehmen – und hier liegt eine große Chance der neuen Modelle – ist die Entscheidungsmacht nicht nur hierarchisch, sondern aus Kundensicht sinnvoll verteilt. Das heißt, auch die Mitarbeiter können Entscheidungen, die in ihren Verantwortungsbereich fallen, selbst und selbstverantwortlich treffen. Wenn aber Führungskräfte immer weniger führen und Mitarbeiter immer mehr entscheiden, kann das nur funktionieren, wenn all die neuen Entscheider auch lernen, mit ihrer Verantwortung umzugehen, sich auseinanderzusetzen, Konflikte auszuhalten und auch mal allein auf weiter Flur zu stehen.

Und das lernt man nicht in der Cloud. Man lernt es noch nicht einmal an der Uni. Führung lernt man durch Führung – und nicht zuletzt durchs Geführt-werden. Hören wir auf, das zu leugnen und so zu tun, als sei Führung verzichtbar und verhandelbar. Und hören wir auf so zu tun, als sei die Einsamkeit des Entscheiders ein Kinderspiel.

Wenn man den Voraussagen über die Zukunft der Arbeit Glauben schenkt, werden immer mehr Menschen physisch allein arbeiten – quer über den Globus verteilt, outgesourct, als Heimwissensarbeiter. Je mehr wir auf neue Weise zusammenarbeiten – mit oder ohne Hierarchien, vernetzt, digital oder wie auch immer – desto mehr einsame Entscheider wird es geben.

Es wird Zeit, dass wir die Entscheider der Zukunft auch darauf vorbereiten anstatt ihnen vorzuheucheln, Führung sei ein Spaziergang auf digitalen Wolken, bei dem niemand mehr einsam sein muss.

Dieser Beitrag ist am 02.11.2017 bei der Bilanz erschienen.

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