Die Alternativlos-Manager

Ausgerechnet der Vorstandschef von Shell kündigt öffentlich an, sein nächstes Auto werde ein E-Auto sein. Seine Aussage hat Symbolwirkung weiter über das Unternehmen und die Branche hinaus: Wenn sogar die Dinosaurier sich einen neuen Lebensraum suchen, steht der Kometeneinschlag kurz bevor. Warum muss der Wandel immer erst alternativlos sein, damit sich etwas tut? 

“Alternativlos” wurde zum Unwort des Jahres 2010 gekürt, nachdem die Regierung Merkel mehrere politische Entscheidungen unter diesem Schlagwort durchgedrückt hatte. Die Jury befand damals, das Wort suggeriere sachlich “unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe.” Damit steigere es die Politikverdrossenheit.

Mag sein. In der Wirtschaft hingegen scheint es die Alternativlosigkeit oft zu brauchen, bevor ein notwendiger Wandel tatsächlich umgesetzt wird. Dass der Klimawandel real ist, wussten wir lange bevor das geflügelte Wort der Alternativlosigkeit Einzug in öffentliche Debatten hielt. Und doch verweigern viele Unternehmen, deren Geschäftsmodell irgendwie an fossilen Brennstoffen hängt, sich bis heute dem Wandel.

Der geläuterte Sünder

Deshalb schlägt die Ankündigung von Ben van Beurden, Vorstandschef von Royal Dutch Shell, auch 2017 noch ein wie eine Bombe: Sein nächstes Auto werde elektrisch angetrieben, verriet er der Finanznachrichtenagentur Bloomberg kürzlich in einem TV-Interview. Überhaupt sei die Elektrifizierung der Wirtschaft und die Elektromobilität in den entwickelten Staaten eine gute Idee. Mehr Fahrzeuge mit alternativen Antrieben würden gebraucht, um die Zwei-Grad-Celsius-Grenze des Pariser Abkommens einzuhalten.

Eine solche Aussage vom Chef des größten Ölkonzerns Europas – das ist, als hätte der Papst angekündigt, das Geschäftsmodell der katholischen Kirche auf Prostitution umzustellen.

Zur Erinnerung: Shell hat unter anderem mit der geplanten Versenkung der Ölplattform Brent Spar mit 5.500 Tonnen giftigen Ölrückständen in der Nordsee, einem Öl-Leck in einen Arm des Niger-Flusses 2008 in Nigeria und erst in diesem Jahr mit dem schwersten Tankwagen-Unglück in Pakistan immer wieder Schlagzeilen als Umweltsünder gemacht.

Inspirieren statt insistieren

Fakt ist: Das Signal wirkt. Die Aufgabe eines Leaders ist es, seinen Mitarbeitern und Kunden, im besten Fall seiner ganzen Branche eine Inspiration zu sein. Elon Musk macht es seit Jahren vor. Inwiefern die Ankündigung van Beurdens wirklich eine unmittelbar bevorstehende Zeitenwende bei Shell andeutet oder zunächst vor allem das Markenimage verbessern soll, wissen wir zwar noch nicht. So oder so kann sie als Zeichen gewertet werden, dass sogar die Ölmultis eingesehen haben, dass sie sich wandeln müssen. Das wäre ein Alarmsignal an den Rest der Wirtschaft, dass die Umstellung auf alternative Energien tatsächlich alternativlos ist – nicht erst übermorgen, sondern eigentlich vorgestern. In diesem Fall ab sofort wohl ein Verweigerer nach dem anderen in hektische Betriebsamkeit verfallen.

Die Frage ist: Warum muss es immer erst soweit kommen? Warum muss die Schlinge der politischen Regulierung und der öffentlichen Meinung sich immer erst so eng um den Hals der Konzerne legen, dass ihnen keine andere Wahl mehr bleibt? Warum sind die Spitzen der Wirtschaft so oft die Nachzügler gesellschaftlicher Trends und so selten ihre Speerspitze? Seit Jahren ist klar, dass in klimanahen Branchen und in den Erneuerbaren Energien die Zukunft liegt – mit Millionen Jobs und Milliardenumsätzen.

Die alten Abhängigkeiten sind deshalb noch immer so wirksam, weil auch sie lange Zeit als alternativlos galten.

Zetsche, Übernehmen Sie!

Ausharren bis zur Alternativlosigkeit ist eine typische Management-Strategie in Zeiten des Wandels. Leider ist sie auch der Grund, warum wir in Deutschland und Europa bei Zukunftstechnologien hinterherhinken – insbesondere in der Automobilbranche. Großbritannien und Frankreich wollen sich bis 2040 von Verbrennungsmotoren verabschieden, Indien schon bis 2030. Es hätte der deutschen Autoindustrie gut getan, sich an die Spitze dieses Wandels zu setzen anstatt zu warten, bis auch die deutsche Politik in dieser Frage die Keule der Alternativlosigkeit schwingen muss.

Eine Aussage wie die von Shell-Chef van Beurden – ich hätte sie mir von einem Dieter Zetsche gewünscht. Und zwar spätestens 2012; dem Jahr, in dem der Tesla Model S in Serie ging.

 

Dieser Beitrag ist am 05.10.2017 bei der Bilanz erschienen.

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