Führung heißt Verantwortung übernehmen

Die Politik ist zunehmend mit der Lösung bestimmter gesellschaftlicher Fragestellungen überfordert. Am Beispiel der USA zeigt sich das derzeit besonders deutlich: Je mehr sich Staatschefs und ihre Kabinette mit der Neuaufteilung der Welt beschäftigen, desto mehr bleiben wichtige Themen wie Klimawandel, Forschung und Innovation an anderen Akteuren hängen. Wir brauchen mehr Unternehmer, die Farbe bekennen!

Selten haben wir so viel politisches Engagement politikferner Akteure gesehen wie seit dem Amtsantritt von Donald Trump. Der US-Präsident reißt er Fortschritte, die seine Amtsvorgänger in wichtigen Fragen wie Klimawandel, Forschung und Innovation erzielt haben, mit dem Hintern wieder ein. Doch er bekommt dabei vom ersten Tag an Gegenwehr, die sich gewaschen hat – und zwar nicht nur aus der Opposition.   Auch anderswo zeichnet sich ab, dass Politik wieder in wachsendem Maße Machtpolitik ist und akute sicherheitspolitische Themen wichtige Zukunftsthemen immer öfter überwiegen. Dadurch tun sich in existenziellen gesellschaftlichen Fragestellungen Lücken auf, die einerseits brandgefährlich sind, andererseits aber auch eine Chance – und zwar vor allem für die Wirtschaft und deren Akteure.

Wer hat die Kompetenz in Zukunftsfragen?

In den USA hat sich schon in den ersten Monaten der Amtszeit Trumps gezeigt, wer diese Lücke füllen könnte: führende Unternehmer und Wirtschaftsbosse. Als Trump aus dem Pariser Abkommen ausstieg, kamen CEOs von Elon Musk (Tesla) bis Jeffrey Immelt (General Electric) sofort ins Handeln: Musk stieg aus Trumps Beratungsteam aus, Immelt forderte die Industrie zur Übernahme einer Führungsrolle im Kampf gegen den Klimawandel auf. Zahllose Unternehmen schlossen sich dem Ausstieg vom Ausstieg an und leisten ihren Beitrag zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens auch ohne staatliche Rückendeckung. Unternehmer, die sich in brisanten Fragen der Zeit klar positionieren, folgen einer zwingenden gesellschaftlichen Logik: Gesunde Märkte gibt es nur in gesunden Gesellschaften! Die großen Akteure aus der Wirtschaft verfügen über die nötige inhaltliche Kompetenz und um das nötige Kampfgewicht, um die großen Zukunftsthemen zu stemmen, die politisch vernachlässigt werden.

Deutschland sucht den Mastermind

Natürlich ist das amerikanische Modell – wie so oft – nicht direkt auf die deutschen Verhältnisse übertragbar. Zum Beispiel haben wir nicht das Problem einer wissenschaftsskeptischen, fortschrittsfeindlichen Regierung. Zum anderen ist das deutsche Modell des Kapitalismus traditionell stärker gemeinwohlorientiert als das amerikanische. Und noch ein Faktor ist nicht zu unterschätzen: Erfolgreichen Unternehmern mit viel Geld und viel Einfluss wird hierzulande eher mit Skepsis begegnet als mit Bewunderung. Andererseits wird auch die deutsche Politik zunehmend von außenpolitischen Themen und den wachsenden protektionistischen Tendenzen beschäftigt, die derzeit global erstarken. Auch wir haben Bedarf an neuen politischen Akteuren.

Tradition im Dornröschenschlaf.

Etwa beim Thema Zukunftstechnologien wäre es höchste Zeit, dass deutsche Unternehmen – und vor allem: Unternehmer! – eine Führungsrolle übernehmen, anstatt wie so häufig darauf zu warten, dass die Politik sie zum Fortschritt zwingt. Ein Joe Kaeser könnte als Chef eines bereits in hohem Maße digitalisierten Großkonzerns seinen Einfluss nutzen und der Politik in Zukunftsfragen unter die Arme greifen. Ein Peter Terium könnte sich an die Spitze der Energiewende stellen, die ohnehin beschlossene Sache ist – und damit auch für das Unternehmen punkten. Ein Harald Krüger, der sich wie kein anderer deutscher Autoboss für ein Umdenken in Mobilitätsthemen stark gemacht hat, könnte sich noch viel stärker für die Zukunft der deutschen Automobilbranche im Ganzen engagieren und das Image der deutschen Industrie als Innovationsmotor retten – oder wiederbeleben.

Haltung lohnt sich

Das Konzept des „verantwortungsvollen Unternehmers“, personifiziert etwa von Werner von Siemens, ist eigentlich in hohem Maße eine deutsche Erfindung. Haltung lohnt sich – immer auch für das Unternehmen und den Akteur selbst. Und diese Haltung des verantwortungsvollen Unternehmers geht weit über das hinaus, was heute als „Corporate Social Responsibility“ praktiziert wird. Die Freiheit Farbe zu bekennen gehört zur unternehmerischen Freiheit dazu. Eines soll nicht vergessen werden: Was die Bosse für die Gesellschaft tun, kann jeder von uns auch im Kleinen tun – in seinem Team, seinem Verantwortungsbereich, seinem Umfeld. Beschäftigen wir uns als Führende nicht nur mit unseren Kennzahlen; beschäftigen wir uns auch mit unserer Zukunft!

Dieser Beitrag ist am 10.08.2017 als Kolumne auch bei Bilanz erschienen.

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