Führungsfouls: Blutgrätschen im Management

Im deutschen Fußball herrscht mal wieder Führungskrieg. Spielfeld: Machtkampf. Spielball: Nationenliga. Spielweise: Führungsfoul. Leider kann der Fußball auch in diesem Fall mal wieder als Sinnbild für die Wirtschaft herhalten: In so manchem Unternehmen folgt die Führung ihrer eigenen Agenda, anstatt im Sinne der gemeinsamen Mission zu entscheiden und zu handeln.

Führung dient eigentlich dem dauerhaften Erfolg einer Unternehmung. Auch im Fußball ist das nicht anders. Wenn Führende stattdessen eigennützige Ziele verfolgen, wird aus Management Wahlkampf und aus Führung Politik – auf Kosten der Ergebnisse und auf Kosten der Menschen.

In der unendlichen Geschichte der DFB-internen Führungsdebatten geht es gerade um die Frage, ob die geplante Nationenliga eine Bereicherung für den Sport und den Spielern zumutbar ist. Bei der Nationenliga handelt es sich um ein kompliziert organisiertes, zusätzliches Turnier, das im September 2018 – kurz nach Ende der WM in Russland – starten soll.

Eine sportliche Frage, eigentlich, und keine politische. Sie dreht sich um den Kern des Geschäftsmodells, den Fußball an sich: Können die Spieler, also die Ausführenden, das auf Dauer leisten, oder würde damit die Grenze des Machbaren überdehnt? Dann hätten die Fans keinen guten Fußball mehr zu erwarten. Und das wäre ungefähr so, als würde ein Unternehmen lieber Abstriche bei der Qualität machen, anstatt bei den Wachstumszielen mal halblang zu machen. Gute Idee, oder schlechte Idee?

Angriff und Konter

Oliver Bierhoff, Manager der Nationalelf, hatte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Kritik an der Idee geäußert: „Man hat am Ende das Gefühl, die Uefa muss noch mal Geld erwirtschaften und macht deshalb den Wettbewerb.“ Ein klarer, aber fairer Angriff in der Sache: Bierhoff sprach damit für die Menschen, für die er als Führungskraft Verantwortung trägt. Das sind zum einen die Fußballer und zum anderen die Fans, für die Fußball eben nicht nur ein Geschäft ist, sondern eine gemeinsame Leidenschaft. Auch Bundestrainer Joachim Löw hat in der Vergangenheit schon die Grenzen einer Ausweitung des internationalen Spielbetriebs angemahnt.

Jedem Leader ist dafür zu applaudieren, dass er sich hinter seine Mitarbeiter stellt und im Dienst der Sache – und der Fans – klar Position bezieht, wie Bierhoff es hier tut. Denn das ist der Kern des Geschäfts um den Fußball, das ist – im übertragenen Sinne – das Kundeninteresse. Gute Ergebnisse sind der gemeinsame Nenner zwischen jedem Unternehmen und seinen Fans – und somit auch im Interesse aller Beteiligten

Führenden. Es sei denn natürlich, einer anderen Partei in der Debatte geht es nicht um die Sache und nicht um die Menschen, sondern um andere Interessen. Politische Interessen, zum Beispiel. Eigeninteressen. Karriereinteressen. In einem Wort: Monkey Business.

Reinhard Grindel reagierte in seiner herausgehobenen Funktion als oberster deutscher Fußballfunktionär verhältnismäßig empfindlich auf Bierhoffs Kritik. Sein Konter verließ eindeutig das Spielfeld, also den Fußball. Er wurde persönlich, als er deutlich machte, dass er die weithin umstrittene Nationenliga „nachdrücklich“ unterstütze: „Diese Haltung unterscheidet mich von Oliver Bierhoff, dem ich auch deutlich gemacht habe, dass ich seine Auffassung nicht teile“, wurde Grindel zitiert.

Fi-Fa-Führungsfoul

Ein Satz wie eine präzisionsgesteuerte Abwehr-Rakete mitten in die eigenen Reihen hinein. Das ist etwa so, als würde ein Manager Kritik an der Führung seines Unternehmens üben, und der CEO prangert die Person des Managers an, anstatt sich in der Sache zur vorgebrachten Kritik zu äußern. Ein klares Führungsfoul. Einem Funktionär, der auf sachliche Kritik mit persönlicher Abwertung reagiert, mangelt es an Leadership-Qualitäten.

Warum tut der DFB-Präsident das? Indizien finden sich am Spielfeldrand, wo die VIP-Logen liegen: Zum Zeitpunkt der Äußerung stand der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete zur Wahl für einen Posten in der Uefa-Exekutive (der Organisation also, die auf die Idee einer Nationenliga gekommen ist) und als einziger Bewerber für die Nachfolge seines DFB-Amtsvorgängers Niersbach im Council des Fußball-Weltverbands FIFA (ebenfalls an einer Maximierung des Spielbetriebs interessiert).

Leadership braucht Glaubwürdigkeit  

Wer hat in dieser Sache die glaubwürdigere Position? Wem ist eine sachdienliche Einschätzung der Lage eher zuzutrauen? Reinhard Grindel war Politiker, bevor er Fußball-Funktionär wurde; Oliver Bierhoff war Fußballer, bevor er Manager der Nationalelf wurde.

Bierhoff hat die Realität des Spielbetriebs am eigenen Leib erlebt und weiß, was der Wettbewerbsalltag den Fußballern abverlangt. Er weiß schon aus professionellen Gründen um die Verfassung der Spieler. Das muss er, um seinen Job als Manager ordentlich machen zu können. So wie jede Führungskraft in jedem Team in der Lage ist – oder sein sollte – die Leistungsfähigkeit und die Grenzen ihrer Mitarbeiter einzuschätzen.

Man kann von Oliver Bierhoff als Fußballer oder als Mensch halten, was man will; Oliver Bierhoff, der Fußballmanager, hat die glaubwürdigere Position in der Frage, um die es eigentlich geht: ob die Nationenliga aus fußballerischer Sicht eine gute Idee ist oder eine Erweiterung des Geschäftsmodells, die ausschließlich im Kopf von Funktionären und Aktionären Sinn ergibt.

Letztere müssen nur Entscheidungen verkünden; ausführen und den Kopf hinhalten müssen andere. In diesem Fall: die Spieler. Ein Leader, der seine Mitarbeiter schützt, schützt das Unternehmen. Ein Funktionär, der nur auf die Dividende schielt, schadet dem Unternehmen.

Führung ist kein Spiel

Jenseits jeder Moral von Recht und Unrecht und ungeachtet der wahren Motive in diesem Machtkampf der Manager, über die wir als Außenstehende nur mutmaßen können: Wäre DFB-Präsident Reinhard Grindel Fußballer, müsste er aus unternehmerischer Sicht für diese Blutgrätsche gegen Oliver Bierhoff des Platzes verwiesen werden. So führt kein echter Spielführer, und schon gar keine sachliche Diskussion. Aber Reinhard Grindel hat nie gegen einen Ball getreten. Jedenfalls nicht unter professionellen Umständen.

In einem Unternehmen macht das den Unterschied zwischen einem Leader und einem Corporate Monkey aus: Die einen führen und gehen glaubwürdig mit gutem Beispiel voran – auf dem Spielfeld. Die anderen taktieren und gehen ihren eigenen Interessen nach – jenseits des Spielfelds.

Reinhard Grindel hat beim Uefa-Kongress in Helsinki übrigens beide angestrebten, hochdotierten Posten erhalten. In vielen Unternehmen zahlen sich Führungsfouls auf dem Weg an die Spitze noch immer aus. Das Monkey Business hat noch einen langen Weg vor sich. Doch am Ende ist der Ball rund, und das Spiel hat 90 Minuten. Spätestens, wenn die Kunden – pardon: Fans – keinen ansehnlichen Fußball mehr zu sehen bekommen, wird das Blatt sich wenden. So wie es sich langfristig gegen Unternehmen wendet, die kurzfristige Wachstumsziele kategorisch vor die Kundeninteressen setzen.

Ein Leader hat diese Konsequenzen im Blick – ein Corporate Monkey nur seine Kokosnuss. Fußball mag nur ein Spiel sein, Führung ist keines.

 

Dieser Beitrag erscheint auch bei Bilanz Deutschland.

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