Obsessive Leader: Verrückt erfolgreich

Verrückt erfolgreich

Es ist keine schöne Szene, bei der wir Uber-CEO Travis Kalanick online gerade beobachten können. Einer seiner Fahrer stellt ihn in seinem Fahrzeug zu Veränderungen in der Preisgestaltung und den Folgen zur Rede, die das für Fahrer wie ihn hat. Einmal sei er wegen Kalanicks Preispolitik schon Bankrott gegangen, lässt er den CEO wissen. Ungeschöntes Feedback, für das ein souveräner Leader dankbar sein könnte.

Der durchgeknallte Milliardär

Kalanick könnte sich über die Gelegenheit freuen, einmal ehrliches, ungeschöntes Feedback über die Situation seiner Millionen Subunternehmer zu bekommen. Er könnte den Mann zum Beispiel in die Firmenzentrale einladen, in die Vorstandssitzung am besten – das wäre eines Revolutionärs der Arbeitswelt würdig. Stattdessen weist er jede Verantwortung von sich. Der Streit endet mit einem wütenden Ausruf Kalanicks: „Manche Leute wollen einfach keine Verantwortung für ihren eigenen Mist übernehmen. Sie beschuldigen für alles, was in ihrem Leben schiefgeht, jemand anderen.“ Darauf springt der Milliardär aus dem Taxi und knallt die Tür zu. Und dann verpasst er dem Fahrer auch noch eine miese Bewertung.

Das ist das Gegenteil von Leadership. Natürlich gehört auch Kritik zur Führung. Natürlich ist Leadership nicht immer eitel Sonnenschein, und natürlich muss ich als Führungskraft auch mal klare Worte sprechen – in einer konstruktiven Art und Weise. Aber Zuhören ist genauso wichtig. Der Kontakt zu allen Teilen des Unternehmens und ganz besonders zur Basis ist die wertvollste Ressource, die Führungskräfte haben. Denn hier findet eine Reflexion des Geschäftsmodells auf einer Ebene statt, die den Managern oft fehlt – die Realität ihrer Ideen im Leben der Mitarbeiter und im direkten Kundenkontakt.

Noch wichtiger ist aber: Die wichtigste Aufgabe eines Leaders ist es, seinen Mitarbeitern und Partnern und Kunden eine Inspiration zu sein. Was für ein Vorbild gibt ein CEO ab, der seine Mitarbeiter anschreit, erniedrigt und für verantwortungslos erklärt, weil er nicht mit Kritik umgehen kann?

Das Erfolgsrezept der Verrückten

Tatsächlich scheinen die durchgeknallten Typen oft besonders erfolgreich zu sein. Auch in Kalanicks Fall hat ein gewisses Maß an Irrsinn zweifellos zum Erfolg beigetragen. Immerhin muss man schon ein bisschen gaga sein, um es im Alleingang mit der Taxi-Branche und allen anderen Transportunternehmen aufzunehmen und damit auch noch Erfolg zu haben. Doch wir sollten unterscheiden zwischen dieser Art von abgehoben Verhalten und der positiven Art von Verrücktheit, die zum Erfolg vieler großer Überflieger beigetragen hat – Kalanick eingeschlossen.

Was diese Menschen tatsächlich eint und auszeichnet, ist eine Art auf den Erfolg ausgerichtete Sturheit. Die großen Entrepreneure lassen sich von nichts und niemandem beirren und sind bereit, sich gegen die Billionen von Gegenstimmen durchzusetzen. Wenn Sie Hierarchien einreißen, ganze Branchen im Alleingang auf den Kopf stellen und oft mit einer einzigen Idee die Art verändern, wie wir Dinge tun – recherchieren, telefonieren, transportieren, lesen, Musik hören, sogar schlafen. Das zeichnet sie als Leader aus. Das macht diese Menschen zum Vorbild. Und das macht sie erfolgreich.

Nur wenn sich, wie im Fall Kalanick, diese Sturheit gegen die eigenen Leute richtet, die eigentlich Partner bei der gemeinsamen Mission sind, dann hört der Spaß auf. Dann wird aus der persönlichen Stärke „Obsessivität“ eine persönliche Schwäche. Eine, die wir uns als Leader nicht leisten können. Erfolg hat man nie gegen die Menschen – jedenfalls nicht nachhaltig. Erfolg haben wir immer mit den Menschen.

Freiheit geht auch Corporate!

Nun sagen Sie vielleicht: Diese Start-up-Typen haben’s leicht, die können sich in ihrem Mikrokosmos aufführen wie Peter Pan, und dank der Digitalisierung lässt sich sogar noch die verrückteste Idee umsetzen. Das funktioniert nicht in jeder Branche, und schon gar nicht ab einer gewissen Größe.

Aber so einfach ist das nicht. Auch die großen Konzernlenker sind oft Menschen, die sogar von ihrem eigenen Umfeld für verrückt erklärt werden. Nehmen Sie nur Haier, den Weltmarktführer für Haushaltsgeräte. Ein weltumspannendes Imperium für weiße Ware und einer der Treiber für die westliche Angst vor China. Kein Wunder, denken Sie, mit sozialistischen Methoden? Weit gefehlt: Haier ist deshalb so erfolgreich, weil es von einem Verrückten geführt wird: Zhang Ruimin. Selbst aus unserer westlichen Perspektive betrachtet ist dieser CEO ungefähr so chinesisch wie meine Oma. Als chinesischer Arbeitersohn hat er nicht studiert. Als er den Laden 1984 übernahm, hatte er keine Führungserfahrung. Was er hatte, waren radikale Ideen – und dieses gewisse Maß an Obsession, das die großen Leader auszuzeichnen scheint.

Als erste Amtshandlung lies Ruimin seine Mitarbeiter die Produktion von drei Tagen lustvoll mit einem Vorschlaghammer demolieren. Begründung: schlechte Qualität. Das war damals. Jetzt sind 32 Milliarden Umsatz, Tendenz steigend. Und außerhalb Asiens fängt Haier gerade erst richtig an. Auch für die Führung seines Unternehmens hat Ruimin einen (aus heutiger Sicht) ziemlich durchgeknallten Masterplan. Der passt ganz und gar nicht zum Bild der chinesischen Wirtschaft, das im Westen lange Zeit vorherrschte. Die Eckpunkte: eigenständiges Denken, Kreativität, Freiheit. Und der CEO hat sehr konkrete Vorstellungen davon, wie sich diese Prämissen konkret operationalisieren lassen. „Die Firma der Zukunft hat keine Angestellten mehr“, sagt Ruimin.

Frei sein heißt: Das Ding durchziehen

Das ist eine operative Parallele mit Travis Kalanicks Unternehmen, aber auch eine mentale. Das ist der Punkt, an dem sich die Verrücktheit der erfolgreichen Leader ähnelt: Sie haben Ideen, die auf den ersten Blick betrachtet völlig wahnwitzig sind – und ziehen sie tatsächlich erfolgreich durch.

Diese Art der Obsessivität, diese auf den Erfolg gerichtete Sturheit, hat tatsächlich eine Menge damit zu tun, wie erfolgreich wir als Leader sind. Ganz und gar nicht erfolgsfördernd ist es, wenn diese Sturheit sich gegen andere Menschen richtet. Das eine schließt das andere leider nicht aus – doch Mitarbeiterführung können wir lernen. Wir können lernen, unseren Mitarbeitern ein Vorbild zu sein und sie ins Boot zu holen, anstatt sie als Humanressource zu verheizen. Langfristig werden wir nur erfolgreich sein, wenn andere unsere Obsession teilen und sich von unserer Begeisterung anstecken lassen – Mitarbeiter genauso wie Kunden.

Wahnsinn mit System: Obsession ausleben heißt Freiheit teilen

Ihre Obsession ist ein gemeinsames Merkmal vieler erfolgreicher Leader. Doch Leadership ist nicht Obsession allein. Erfolgreich sind wir nur gemeinsam. Der Wahnsinn erfolgreicher Leader hat System. Sie beziehen ihre Mitarbeiter ein, indem sie sie

  • herausfordern: Sie umgeben sich mit anderen obsessiven Menschen, die sich bereitwillig auf irrwitzige Aufgaben stürzen
  • einschwören: Sie interessieren sich für die Menschen in ihrem Unternehmen und fördern deren Lebensqualität auf dem gemeinsamen Weg, anstatt sie auszubeuten
  • überraschen: Sie denken immer ein bisschen größer als alle anderen und ermutigen ihre Mitarbeiter, in Möglichkeiten zu denken statt in Grenzen.

Uber-CEO Kalanick hat sich inzwischen übrigens öffentlich bei dem Fahrer entschuldigt und eingeräumt, er müsse erwachsen werden und brauche wohl Hilfe bei seinem Führungsverhalten.

Ein weiteres Indiz für meine These: Auch für den größten COMO besteht Hoffnung.

(Mehr über wegweisende Erfolgsgeschichten und Leadership im Zeichen der Freiheit lesen Sie in meinem neuen Buch Ohne Freiheit ist Führung nur ein F-Wort.)

 

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